Sid Meier’s Civilization

Das Brettspiel zum Computerspiel des Brettspiels im Praxistest

8. Dezember 2012 • 11:30 Uhr

Teilen:

Öfters mal was Neues: Nachdem ich mich nun seit neun Jahren professioneller Videospielkritiker schimpfen darf (mehr oder weniger), wird es Zeit für ein neues Ufer. Und weil ein Schritt nach vorne langweilig erscheint, gehe ich mal einen symbolischen Schritt nach hinten – und zwar vor’s Brett.

Zurück zum Ursprung

“Sid Meier’s Civilization“ gehört zu den bekanntesten Strategiespielen, die der PC bislang zum Vorschein gebracht hat. Lustig ist: Die erste Version von 1991 basierte lose auf einem Brettspiel mit dem schlichten Namen “Civilization“. Doch während dies in Vergessenheit geraten ist, bleibt die Serie für den Computer weiterhin in aller Munde. Entsprechend muss die Merchandising-Kurbel kräftig laufen, weshalb es nun ein neues, offizielles Brettspiel gibt… also ein Brettspiel vom Computerspiel des Brettspiels, sozusagen… das erinnert mich schon ein wenig an das Spiel zu “Autobahn Raser – Der Film“.

Genug gescherzt: Der Karton ist von außen betrachtet gar nicht mal besonders groß, dafür ist der Inhalt umso gewaltiger. Besonders auffällig sind die quadratischen Spielplatten, die vor jeder Runde zufällig gemischt sowie größtenteils für die Spieler verdeckt angeordnet werden und somit eine immer neue Landkarte generieren – mehr Zufallsgenerator geht nur via Computer. Wie viele Platten und in welcher Form (Linie, Dreieck, Viereck) diese platziert werden, bestimmt die Menge der Mitspieler (zwei, drei, vier).

Das Anleitungsheft ist auf den ersten Blick nicht sehr dick, allerdings misst es nahezu die gleichen Maße wie der Karton und umfasst 28 Seiten (Titelblatt und Werbung bereits abgezogen, wohlgemerkt). Das darin beschriebene Regelwerk ist auf den ersten Blick enorm kompliziert. So gibt es allein vier verschiedene Wege, das Spiel siegreich zu bestreiten: via Kultursieg, Technologiesieg, Wirtschaftssieg sowie Militärsieg. Doch dazu später mehr.

Viel Vorbereitung…

Und das ist nur die Karte, mit ein paar notdürftig aufgestellten Technologiepyramiden… (Foto: GamingGadgets.de)

Zunächst wählt jeder Spieler eine Zivilisation aus und bekommt eine Hauptstadt, einen Pionier sowie eine Armee gratis dazu. Während der Aufbau der Karte kein großes Problem darstellt, arten das Bereitlegen der unzähligen Marker und der Aufbau eines Marktplans bereits in Arbeit aus. Denn in “Sid Meier’s Civilization“ gibt es unzählige Features sowie Regeln zu beachten, dank derer ihr mit Münzen, Katastrophen, Rohstoffen, Barbarendörfern, Spionen, großen Persönlichkeiten, Weltwundern oder kryptischen Kulturpunkten hantieren müsst. Darüber hinaus können sich sowohl eure Städte als auch eure Armeeeinheiten auf unterschiedliche Art und Weise entwickeln, weshalb für jede Option ebenfalls ein Kärtchen existiert, das in irgendeiner Form neben der Karte für alle Mitspieler präsent sichtbar sein sollte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ihr solltet bereits einiges an Zeit für den Spielaufbau mitbringen und einen wirklich großen Tisch zur Verfügung haben. Denn spätestens bei der Technologiepyramide könnte es eng werden: Jeder Spieler darf wie im Original Technologien entwickeln, wobei diese unterschiedliche Stufen besitzen. Um eine Technologie einer bestimmten Stufe überhaupt erforschen zu können, müssen mindestens genau so viele Technologien plus eine weitere der direkt darunter liegenden Stufe bereits erreicht sein. Beispiel: Wenn ihr eine Technologie der dritten Stufe haben möchtet, dann müsst ihr zumindest zwei Technologien der zweiten Stufe besitzen. Der Übersicht wegen sollten die Spieler ihre Errungenschaften in Form einer Pyramide aufbauen, was bei insgesamt fünf möglichen Stufen in einem richtig großen Gebilde resultiert.

…und noch mehr Regeln

Auch der eigentliche Spielablauf wirkt auf den ersten Blick sehr unübersichtlich, denn pro Runde gibt es exakt fünf Phasen, in denen die Spieler abwechselnd zum Zuge kommen:

  1. Beim Rundenbeginn kann man mit seinem Pionier eine Stadt bauen oder seine Staatsform ändern. Richtig, die Macher des Brettspiels haben auch daran gedacht, dass eure Zivilisation vom Despotismus zur Demokratie aufsteigen oder von einer Republik zum Kommunismus wechseln kann – sofern die nötige Technologie (!) entwickelt wurde.
  2. Während der Handel-Phase erhalten alle Spieler so genannte Handelspunkte und können untereinander diverse Dinge austauschen.
  3. Am komplexesten ist die Städteverwaltung, weil es allein hier grundverschiedene Optionen gibt, von denen der Spieler pro Runde immer nur eine nutzen darf. Er kann beispielsweise Rohstoffe abbauen, Einheiten seiner Armee produzierten oder sich den Künsten widmen (!).
  4. Die griffigste sowie für die meisten Spieler sicherlich spaßigste Phase ist die Bewegung: Jeder darf seine Pioniere und seine Armeeeinheiten auf der Spielkarte bewegen. Sollten dabei zwei Parteien aufeinander treffen, dann wird ein Kampf ausgefochten, der ebenfalls nach recht eigenwilligen wie gewöhnungsbedürftigen Gesetzen funktioniert.
  5. Zu guter Letzt kommt bei der Forschung der bereits genannte Technologieaspekt zum Zuge. Damit verändern die Spieler primär ihre eigenen Regeln und Gesetze, die ihnen unterliegen (z.B. das man mittels “Reiterei“ seine Einheiten um ein Feld mehr wie erlaubt bewegen darf oder dank der “Steinmetzkunst“ das Limit der Figuren erhöht, die gleichzeitig auf einem Feld stehen dürfen).

Um einen der bereits aufgezählten Siege zu erzielen, müsst ihr entweder…

  • …die Hauptstadt eines eurer Mitspieler erobern (Militärsieg).
  • …15 Münzen sammeln (Wirtschaftssieg).
  • …die einzig mögliche Technologie der fünften Stufe erforschen, namentlich die Raumfahrt (Technologiesieg).
  • …oder genügend Kultur- sowie Handelspunkte einsetzen, um das Ende der Kulturskala zu erreichen (Kultursieg).

Fazit: Ein wahres Nerdgeschenk der Kategorie „Wer’s unbedingt braucht…“

Viele Informationen auf möglichst wenig Raum gepresst: die Einheitenkarten. (Foto: GamingGadgets.de)

Sollte euch all das jetzt zu kompliziert und zu ungenau klingen, dann habe ich mein Ziel erreicht: “Sid Meier’s Civilization“ ist ein aufwändig gestaltetes Brettspiel, das in meinen Augen viel zu übertrieben die unzähligen Features der Computervorlage zu imitieren versucht. Es ist definitiv kein Spiel für Freunde leichter oder schneller Unterhaltung, die sich für eine halbe bis eine Stunde beschäftigen möchten – diese Zeit benötigt ihr hier allein für den Aufbau. Aber es sei gleich hinterher gesagt, dass viele der Mechanismen nur auf den ersten Blick unsinnig erscheinen. Gerade die zunächst umständlich wirkende Phasentrennung zwischen Pioniere bewegen sowie Städte gründen hat Hand und Fuß, weil zwischen diesen beiden Phasen andere Spieler die Chance erhalten, diese doch recht gewichtige Veränderung der gegnerischen Zivilisation zu verhindern.

Mein Problem ist deshalb ein ganz anderes: Wozu braucht es ein Brettspiel zu solch einem komplexen Computerstrategiespiel? Als Gag ist es zu schwergewichtig und als ernsthafter Ersatz und/oder Ergänzung dann doch wieder zu versimplifiziert. Am Ende bleibt nur das ausgelutschte Argument vom Stromausfall, während dessen man eben trotzdem eine Runde “Sid Meier’s Civilization“ spielen könnte.

Immerhin fällt der Preis mit 30 bis 40 Euro moderat aus, gerade weil dafür recht viel Inhalt in einer mehr als ausreichenden Qualität geboten wird. Es gibt nur eine Sache, bei der in meinen Augen unnötig gespart wurde: Mir fehlen ein paar einfache Plastikfächer im Spielkarton, in denen ich die verschiedenen Marker möglichst getrennt sortieren könnte. So liegen nun Dutzende von Plättchen auf einem riesigen Haufen gestapelt – aufgrund dessen der Start einer neuen Partie kaum weniger Zeit in Anspruch nehmen dürfte, als beim ersten Mal…

Vielen lieben Dank an den Brettspiel-Experten Spiele-Offensive.de. Dort könnt ihr nicht nur „Sid Meier’s“ Civilization“ und Tausende andere Spiele erwerben, sondern sie ebenfalls ausleihen – bequem via Internet! Der Clou hierbei: Ihr zahlt beispielsweise für zehn Tage fünf Euro (inklusive Versand), gefällt euch das Brettspiel, kauft ihr es. Die angefallenen Leihgebühren werden verrechnet. Eine wirklich faire Art von „try before buy“, wie wir finden.

Teilen:

Keine Kommentare

Kommentar schreiben

1 Pingback

  1. 8. Dezember 2012 at 11:12