Videospiele mal anders

Bücher als Geschenkidee

18. Dezember 2016 • 13:37 Uhr

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Bücher über Spiele als kreative Geschenkidee. (Foto: Daniel Wendorf)

Ihr seid es leid, immer sinnlosen Quatsch zu Weihnachten zu kaufen? Videospiele und Merchandise hängen euch zum Hals raus? Dann verschenkt doch ein paar Bücher – zum Thema Videospiele.

In den vergangenen Monaten haben wir euch immer mal wieder Schmökerliteratur präsentiert, die sich mit Videospielen auseinandersetzt. Und was soll ich sagen? In Zeiten des Self-Publishing ist die Schwemme an Titeln schier unüberschaubar. Da die Rosinen rauszupicken, ist gar nicht so einfach. Ich habe aber die Zeit (und das Geld) investiert und fleißigst geordert. Und gelesen. Welche Bücher ich euch als Weihnachtsgeschenk empfehlen kann? Verrate ich euch!

Ein Klassiker

Die englischsprachige Ausgabe für Kindle ist recht günstig zu haben. (Foto: Amazon)
Die englischsprachige Ausgabe für Kindle ist recht günstig zu haben. (Foto: Amazon)

Literatur zu Videospielen hat es seit Bestehen des Mediums gegeben. Viele der Bücher sind aber mehr Hasstiraden gegen die interaktive Unterhaltung – kann auch amüsant sein, so ist es ja nicht. Aber wenn ihr wirklich etwas über die Branche und ihr Entstehen lernen möchtet, gibt es drei herausragende Bücher. Den Anfang macht der Autor David Sheff, der mir „Game Boy – Ein japanisches Unternehmen erobert die Welt“ Anfang der 1990er Jahre die bis heute beste, weil eindrucksvollste Firmenbiografie zu Nintendo vorlegte. Von den Anfängen als Kartenmanufaktur für Hanafuda, über das ziellose Umherirren nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Festigung als Unternehmen von Weltrang dank NES und „Super Mario“ skizziert sowie malt Sheff aus, wie Nintendo mehr über Zufälle zum Marktführer der Videospiele wurde. Es half sicherlich, dass Nintendo in den späten 1980er Jahren noch offen gegenüber Journalisten war, sodass er tatsächlich die führenden Köpfe der Kreativgiganten interviewen konnte. Die deutsche Übersetzung ist leider etwas hölzern, wer aber mit einem „Mutterbrett“ als Umschreibung des „Motherboards“ leben kann, schmökert amüsiert. Highlight sind die slapstickartigen Lizenzverhandlungen zu „Tetris“ in Moskau.

Neu ist „Game Boy“ von David Sheff nicht mehr zu bekommen, ab rund 5 Euro erhaltet ihr via Amazon gut erhaltene Exemplare. Wer des Englischen mächtig ist, sollte die flott geschriebene Originalausgabe „Game Over: How Nintendo Conquered the World“ ordern.

So entstand die PlayStation

Werk Nummer zwei ist um die Jahrtausendwende hin entstanden. „Revolutionaries at Sony – The Making of the Sony PlayStation and the Visionaries Who Conquered the World of Video Games“ (was für ein Titel!) beschäftigt sich mit genau dem, was der Titel vorgibt: Der Erschaffung der PlayStation und der Eroberung des Videospielmarktes in den 1990er Jahren. Das Buch startet von den 1980ern, führt von ersten 3D-Experimenten am System G über die MSX-Ära bis zur Entwicklung der PlayStation bzw. ersten Veröffentlichungen in Amerika. Nüchtern im Ton, erlaubt das Buch einen sehr genauen Blick hinter die Kulissen von Sony, hinter die Maschinerie, die wie geölt wirkt, aber eigentlich ständig stotterte. Gebraucht ist „Revolutionaries at Sony“ ab etwa 20 Euro zu haben.

Weshalb ist Segas Stern so schnell gesunken? Eine (kleine) Antwort bietet das obskure Werbemotiv linkerseits. Die anderen Gründe finden sich in Pettus‘ toller Sega-Geschichte. (Foto: Daniel Wendorf)

Der Auf- und Abstieg SEGAs

Das Cover. (Foto: Sam Pettus / Amazon)
Das Cover. (Foto: Sam Pettus / Amazon)

Das letzte Buch im Klassiker-Quartett wurde von Sam Pettus zu Papier gebracht: „Service Games: The Rise and Fall of SEGA“ ist so spannend, weil es erstmalig SEGAs kometenhaften Aufstieg und alsbaldigen Untergang prägnant beschreibt. Wie konnte eine Firma, die Nintendo 90% der Marktanteile abtrotze, in den 1990er Jahren so viele eklatante Fehler machen, dass man zur Jahrtausendwende bankrott war? Was für Innovationen hätten das Unternehmen retten können, welche Kooperationen hätten den Namen als Hardware-Hersteller zementiert? Antworten auf diese Fragen sind packend, da Pettus SEGA nicht als eine große Firma beschreibt, sondern als gelebten Ost-West-Konflikt, in welchem unterschiedliche Philosophien und Ansätze miteinander kollidierten und SEGA in den Abgrund rissen.

480 Seiten stark ist das Werk, keine davon wirklich überflüssig. Das englischsprachige Buch könnt ihr neu für etwa 25 Euro in der „Enhanced Edition“ erwerben.

Die solide Lesekost

„Überblicksdarstellungen“ ist ein ödes Wort. Leider gibt es kein besseres, um meine zweite Kategorie zu beschreiben, in der all die Bücher untergebracht sind, die ich zum Schmökern empfehle, wenn ihr möglichst viel aus der Videospielhistorie mitnehmen möchtet, ohne euch durch Dutzende Bücher zu kämpfen. Tristan Donovans „Replay – The History of Video Games“ wird schon dadurch geadelt, dass kein Geringerer als Richard Garriott das Vorwort verfasste. Doch auch danach überzeugt das Buch mit einem locker-flockigen Schreibstil und einem gewaltigen Abriss, der von den ersten Gehversuchen des Videospiels über den Niedergang der US-Arcades bis zu Kunstwerken wie „Flower“ reicht, bevor Donovan versucht, den Jahrzehnten die besten/denkwürdigsten Spiele zu entreißen. Gelungen ist die gewählte Sprache und der tolle Schreibstil, der sehr zurückhaltend die Entwicklungen kommentiert. Überzeugend sind ebenso das angenehme Schriftbild und die Kapitellänge. Das Buch ist nach wie vor im englischsprachigen Original für knapp 20 Euro verfügbar.

Steven Kent als Gegenpol ist eher der Krawallmacher. Er begreift Videospielgeschichte mehr als Aneinanderreihungen kapitalistischer Zuwächse denn kultureller Genese. Dementsprechend aufgebaut ist seine Rundschau „The Ultimate History of Video Games“ – schon der Titel verrät, wo sich Kent selbst verortet. Ultimativ ist sie nicht, das kann ich verraten. Dazu fehlt es Kent an Detailkenntnissen und hin und wieder an Akribie. So ganz genau will er es nie wissen, lieber lässt er Zeitgenossen wie Miyamoto, Whims oder Michael Katz via Zitat reden. Warum das Buch dennoch unterm Baum landen sollte? Weil es wie kein anderes illustriert, wieso sich die Branche eigentlich totgelaufen hat und statt mutiger Neuentwicklungen lieber auf Altbekanntes setzt. Es ist für knapp 16 Euro erhältlich.

Ultimate History? Kents Überblickswerk ist laut und krachig - und versucht, eigene Unwissenheit mit vielen Zitaten zu kaschieren. (Foto: Daniel Wendorf)
Ultimate History? Kents Überblickswerk ist laut und krachig – und versucht, eigene Unwissenheit mit vielen Zitaten zu kaschieren. (Foto: Daniel Wendorf)

Kate Berens und Geoff Howard schließen das Segment ab. Mit dem reich bebilderten „Rough Guide to Videogames“. Historien? Pah! Wird gleich mal über Bord geschmissen, denn das durchgehend farbig gedruckte Buch hangelt sich an 75 Meilensteinen des weiten Feldes entlang. Von „WoW“ über „Pro Evolution Soccer“ bis „Halo“ und den Mario-Spielen wird ein Kaleidoskop geboten, das gut unterhält. Vielleicht genau das Richtige, um mal hineinzuschmökern oder weitergehende Literatur zu entdecken. Zu haben ist das kompakte Büchlein bei Amazon für 16 Euro – einen Blick ins Buch ermöglicht euch der Händler ebenfalls.

Das „Must Have“: Videospiele, die ihr nie spielen werdet

Abschließen will ich die Buch-Geschenktipps für Videospielbegeisterte mit einem Werk, das nix anderes darstellt als den neuen Goldstandard in Sachen Recherche und Neuigkeitenwert. „Videogames you will never play“ ist ein Versprechen, das die vielen verschiedenen Autoren des Monsterwerkes einhalten. Auf 480 Seiten feiert das Autorenkollektiv nicht das bekannte Gros überschwänglich gelobter Massenware oder den verkapptesten Indie-Titel ab, stattdessen dokumentieren sie das vielfache Scheitern der Studios und Publisher mit Spielen, die das Tageslicht nicht erblickten. Nur unbekannte Namen? Keineswegs! Ein paar Beispiele nennen wir da gern: „Deus Ex 3: Insurrection“, „The Witcher“ (1997), „Diablo“ für den Gameboy, „Ico“ auf der ersten PlayStation, „Picassion“ (Gamecube), „Halo DS“, „Omikron 2: Nomad Soul Exodus“ vom „Heavy Rain“-Vater David Cage oder „Saints Row: Undercover“ finden ihren Platz neben fast vergessenen Kleinoden und Kuriositäten wie dem 32X-Titel „Virtua Hamster“.

Jap, ein Conker-Spiel erschien wirklich – das rülpsende, pupsende und fluchende Eichhörnchen hatte aber nichts mehr mit dem spielerischen Zuckerschock der Anfangstage gemein – und deshalb steht „Conker: Twelve Tales“ auch zu Recht im Buch der Videospiele, die wir nie spielen werden. (Foto: Daniel Wendorf)

Einfach wow, weil fast jedes Spiel mit Konzeptzeichnungen und ersten Screenshots für die Ewigkeit auf Papier gedruckt wurde – plus umfangreicher Texte, die in teils jahrelanger Recherchearbeit entstanden sind. Das Buch ist weit entfernt davon, perfekt zu sein, das muss ich noch erwähnen. Die Plattformen Amiga und C64 fehlen, auch rutschen manchmal die Überschriftenbalken ans unterste Ende einer Seite, während der Fließtext überhaupt erst auf der nächsten Seite beginnt. Das hätte man etwas besser lösen können, wenngleich dies Kleinigkeiten sind, über die man sich mokieren kann. Billig ist das Buch nicht – die vollfarbig gedruckte Fassung kostet knapp 60 Euro. Reichen euch Schwarz-Weiß-Bilder, zahlt ihr gut die Hälfte. Im regulären Buchhandel ist es derzeit nicht zu haben.

Habt ihr auch Buch-Vorschläge? Gerne in den Kommentar-Bereich mit diesen. Kreative Geschenkideen für Erwachsene und Kinder gibt’s an anderen Stellen.

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Videospiele mal anders: Bücher als Geschenkidee
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Ihr seid es leid, immer sinnlosen Quatsch zu Weihnachten zu kaufen? Videospiele und Merchandise hängen euch zum Hals raus? Dann verschenkt doch ein paar Bücher - zum Thema Videospiele.
Sven Wernicke
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