Leap Motion

Die neuartige Bewegungssteuerung im Praxistest

9. August 2013 • 9:47 Uhr

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Eine kleine, unscheinbare Kiste. Was steckt in Leap Motion? Das verrät der Praxistest! (Foto: Leap Motion)

 

Gestensteuerung erlebte in den letzten Jahren eine Revolution. Was 1983 mit der ersten kommerziell verfügbaren Maus von Apple begann, erhielt mit der Smartphone-Ära einen neuen Aufwind und fand vorerst mit Microsofts Kinect und dem Surface-Tisch seinen Höhepunkt – bis jetzt.

Vielen, so auch dem Autor dieses Berichtes, ist der Film „Minority Report“ noch gut in Erinnerung, nicht zuletzt aufgrund der spektakulären Szenen im „Precrime Devision Headquarter“ – perfekte Gestensteuerung, wie man sie sich vorstellt. Im Jahr 2013 präsentierte die 2010 gegründete Firma Leap Motion Inc. den neusten Clou in Sachen Gestensteuerung: den Leap Motion Controller. Ob dieser das Gefühl wie in besagtem Kinofilm entstehen lassen kann? Das soll der Praxistest zeigen.

Das steckt drin: die Technik

Der Leap Motion Controller ist nüchtern betrachtet ein 80 Euro teures, kleines, sehr elegantes und in Aluminium gepacktes Gerät mit einem USB-Anschluss sowie einer schwarzen, halbtransparenten Oberfläche. Im Inneren befinden sich zwei Kameras und drei Infrarot-LEDs, die die obere Hemisphäre (150°Grad zu beiden Seiten räumliche Breite und 120°Grad zu beiden Seiten räumliche Tiefe) des Gerätes in einem Bereich zu je 60 Zentimetern pro Seite sensorisch abtasten.

So funktioniert Leap Motion. (Foto: Leap Motion)
So funktioniert Leap Motion. (Foto: Leap Motion)

Die eigentliche “Magie” kommt aber durch die speziell entwickelte Software, die die gesammelten Daten in 3D-Echtzeitwerte umsetzt. Man kann an dieser Stelle also sagen, nicht der Controller, sondern die Software ist der eigentliche Star von Leap Motion. Angeschlossen wird der Controller vorzugsweise an einen USB 3.0 Port mit einem entsprechenden Kabel. Die mitgelieferten Kabel besitzen lediglich einen USB 3.0 Stecker, entsprechen aber den USB 2.0 Spezifikationen – so Firmenchef Michael Buckwald im offiziellen Support-Forum. Optimal ist das aber nicht.

Apps und Shop

Der Airspace Store. (Foto: Leap Motion)
Der Airspace Store. (Foto: Leap Motion)

Mit der Auslieferung der ersten Leap Motion Controller startete gleichzeitig der speziell für den Leap Motion Controller entwickelte “Airspace Store” – ein Marktplatz für Spiele, Simulationen, Tech-Studien, Musik-Apps und viel weitere Anwendungen. Hier findet ihr derzeit über 20 kostenlose Apps für Windows und OS X, mehr als 80 Programme insgesamt (Stand 04.08.2013). Warum der Hersteller an dieser Stelle auf die vorhandenen AppStore-Infrastruktur von Apple und Microsoft verzichtet hat, dürfte klar sein. Jedoch ist der Store nicht die einzige Möglichkeit an Apps für den Leap Motion Controller zu kommen. Pohung Chen, ein Entwickler bei Leap Motion, stellt auf seiner BitBucket-Seite mehr als zehn Apps, meistens Tech-Demos, zum Download zur Verfügung. Schön, dass Leap Motion also nicht so restriktiv wie Apple oder Microsoft ist und Drittanbieter-Apps ohne einen Zwang zum “Airspace Store” zulässt.

So läuft es unter OS X 10.8.5

Nach dem Auspacken war ich positiv überrascht: ein kleiner in Aluminium gepackter Controller, der optisch wunderbar zu meinem 13″ MacBook Air (i5 @ 1,8GHz, 8GB RAM, Intel HD 4000) passt … fein, abgesehen von der grünen Status-LED, die ruhig weiß hätte sein können. Nach der Installation der Software begrüßt einem Airspace, die zentrale Verwaltungsoberfläche der lokal aufgespielten Leap Motion Apps. Standardmäßig werden bereits einige kostenlose Programme installiert, darunter das Spiel “Cut the Rope” oder der Trackpad-Ersatz “Touchless”. Im Anschluss daran wird ein Programm zur ersten Einweisung und dem Gebrauch der Leap Motion gestartet. Erste Ahhs, Ohhhs und Wow’s schallen durchs Zimmer. Nach einigen Minuten ist die Demo vorbei und ich will endlich meinen Mac mit den Fingern steuern!

Egal ob Windows oder Mac OS - die Einrichtung klappt ohne Aufwand. (Foto: GamingGadgets.de)
Egal ob Windows oder Mac OS – die Einrichtung klappt ohne Aufwand. (Foto: GamingGadgets.de)

Die Apps „Touchless“ und „BetterTouchTools“ bieten sich hier an. Die erste Ernüchterung folgt schnell, denn so elegant wie im Film „Minority Report“ sieht das nicht aus. Aber habt ihr einmal herausgefunden, wo sich – innerhalb der sensorischen Hemisphäre – die Bewegungs- und die Klick-Zone der Leap Motion befinden, klappt das Handling nach einer Eingewöhnung schon recht gut.

Keine Schwierigkeiten unter Windows 8

Unscheinbar platziert. (Foto: GamingGadgets.de)
Unscheinbar platziert. (Foto: GamingGadgets.de)

Nun wollte ich wissen, wie sich Leap Motion unter Windows 8 auf einem normalen PC verhält (HP Compaq Pro 6300, i5, 8GB RAM, AMD HD 6350). Die Einführung nach der Installation habe ich übersprungen und startete gleich die App „Touchless“ für Windows. Auf dem 22″ TFT gelingen Gesten und Aktionen auf Anhieb besser und sicherer. Ist Leap Motion wohl doch nur was große TFTs? Es scheint fast so. Ich navigiere durch das Windows 8-Menü – ohne Schwierigkeiten. Apps lassen sich ausführen, im Browser surfen klappt prima- alles wunderbar. Die virtuelle Tastatur wird automatisch gestartet, und so gestaltet sich auch ein Ausflug mit putty auf der Bash einer Linux-Maschine als recht unproblematisch. Richtig produktiv seid ihr damit aber nicht. Einen einfachen Befehl einzugeben dauert gut fünf Mal länger als auf die konventionelle Weise. Dafür sieht es umso cooler aus….

Gibt es nun Unterschiede in der Benutzung der Leap Motion zwischen Windows 8 und OS X 10.8? Abgesehen davon, dass es nicht jede App für OS X und für Windows gibt, ist Leap Motion auf beiden Betriebssystemen spaßig. Unterschiede sind in der grundlegenden Bedienung nicht zu erkennen. An einer Linux-Variante wird derzeit noch gearbeitet, das SDK ist aber schon vorhanden.

Leap Motion vs. Microsoft Kinect

Kann man den Leap Motion Controller mit der Microsoft Kinect vergleichen? Wer beide Systeme kennt, der weiß, dass sie anders funktionieren, mit unterschiedlicher Hardware ausgestattet sind und von ihrem intrinsischen Konzept her verschieden aufgebaut sind. Leap Motion ist eher auf die filigrane Erkennung von Fingern und deren Gesten in einem sehr begrenzten Raum spezialisiert. Der Controller erkennt nahezu millimetergenaue Veränderungen, die für ein präziseres Arbeiten unbedingt notwendig. Microsofts Kinect hingegen erkennt gleichzeitig die Umrisse von bis zu sechs Menschen. Daraus errechnet das Gerät die Skelettdaten und leitet so Bewegungen daraus ab. Das ist ideal für Spiele oder andere gestengesteuerte Programme, bei denen der komplette Mensch als Eingabemedium fungiert.

Texte mit Gesten bearbeiten - es ist recht einfach. (Foto: GamingGadgets.de)
Texte mit Gesten bearbeiten – es ist recht einfach. (Foto: GamingGadgets.de)

Im Prinzip, also praktisch für die Nutzer, machen beide ähnliche Dinge: Sie erkennen Menschen oder Teile von ihnen und setzen diese in Echtzeit in 3D-Daten um. Und ja, beide erzeugen stets ein Lächeln im Gesicht.

Leap Motion vs Webcam

Für OS X und für Windows 8 sind Programme wie zum Beispiel Fluttr oder Extreme Motion erhältlich, die mit Hilfe einer guten WebCam Menschen erkennen und deren Posen interpretieren. An dieser Stelle ist es aber wichtig, zwischen Gesten und Posen zu unterscheiden. Eine Pose ist lediglich eine spezielle Körperhaltung, eine Geste hingegen eine Bewegung. Der größte Unterschied ist also, dass Leap Motion und Kinect komplette räumliche Bewegungszyklen wahrnehmen, wohingegen die meisten anderen Produkte lediglich eindimensionale  Posen erfassen können. Wer über eine Webcam verfügt, kann aber gern den Vergleich ziehen – ich nutze die sie dann doch lieber für Skype.

Fazit

Eine neuartige Erfahrung, keine Frage.  (Foto: Leap Motion)
Eine neuartige Erfahrung, keine Frage. (Foto: Leap Motion)

Für mich stellt sich die Frage nach Sinn oder Unsinn des Leap Motion Controllers nicht. Wir sind sicherlich erst am Anfang der Entwicklung und des Reifungsprozesses, aber was wir heute schon sehen und erleben können, das überzeugt. “Minority Report” ist gar nicht mal so weit entfernt. Jeder Geek oder Nerd sollte zumindest mal Leap Motion ausprobiert haben bzw. nach Lesen dieses Artikel den “Kaufen”-Button betätigen. Habt ihr euch erst einmal an das neue Eingabeinstrument und die Besonderheiten gewöhnt, so seht ihr das Gerät als sinnvolles AddOn für den PC beziehungsweise Mac, nicht jedoch als Ersatz für Maus und Trackpad. Ich lasse Leap Motion mittlerweile ständig an meinem Rechner und nutze das Gadget für die ein oder andere Geste, auch um mal die Hand von der Maus zu nehmen und in der Luft kreisen zu lassen.

Würde ich den Leap Motion Controller noch einmal kaufen? Kann ich den Leap Motion Controller für technikaffine Menschen empfehlen: ein klares JA! Aber wie gesagt, nicht der Controller ist das Magische, die Software macht den Controller zu dem, was er ist.

Vielen Dank an Simon für seinen Beitrag. Seinen Blog findet ihr unter cy-man.de.

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